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In regelmäßigen Abständen veröffentliche ich einen Blogbeitrag zu historisch-politischen Themen. Dabei konzentriere ich mich auf die Zusammenhänge zwischen der aktuellen Politik und den historischen Ereignissen, die darin sichtbar werden. Die Aufzeichnungen protokollieren meine Sicht der Dinge und können dementsprechend einseitig und unvollständig sein.

BLOG | JANUAR 2021

Entnazifiziert Euch

 

Eigentlich – so könnte man denken – sollte das Thema "Entnazifizierung" doch durch sein. Aber Sprüche vom "Fliegenschiss", der einer tausendjährigen, ansonsten erfolgreichen Geschichte nichts anhaben könnte, von "afrikanischen Ausbreitungstypen", die den "selbstverneinenden europäischen Platzhalter-Typ" verdrängen oder von einer „Umvolkung“, die angeblich im Auftrag der Bundesregierung durchgeführt werde, belehren uns eines Besseren. Eine "Vergangenheit, die nicht vergehen will" stand als Überschrift eines FAZ-Artikels von Ernst Nolte am 6. Juni 1986 Pate für den darauf einsetzenden Historikerstreit. Dieser Streit ging um einen "kausalen Nexus" zwischen Bolschewismus und Faschismus und um die Einmaligkeit des Holocaust. Der Historikerstreit zeigte auf, wie wenig die Entnazifizierung nach 1945 gelungen war und wie wenig Sachkenntnis außerhalb der historischen Eliten an deutschen Hochschulen vorhanden war.   

 

Die alliierten Sieger des Zweiten Weltkriegs hatten sich vorgenommen, die Deutschen zu entnazifizieren. Am Anfang starteten sie dieses Unterfangen auch schwungvoll, gerieten aber schnell in den Strudel des Kalten Krieges und ließen ihre guten Vorsätze zu Gunsten einer politisch-ideologischen Auseinandersetzung fallen. Das gilt für beide Seiten, denn sowohl im Westen als auch im Osten Deutschlands ist die Entnazifizierung gründlich danebengegangen. Hans Werner Richter, einer der Initiatoren der "Gruppe 47", schrieb kurz nach dem Krieg, dass in Deutschland eine "behördlich genehmigte Restauration" stattgefunden habe – ähnlich wie nach den napoleonischen Kriegen am Anfang des 19. Jahrhunderts. Es lohnt also einen Blick auf den Umgang mit der NS-Vergangenheit zu werfen sowohl im autoritären Staatssozialismus der DDR als auch in der kapitalistisch-marktwirtschaftlichen Welt der Bundesrepublik. 

 

Der Sozialdemokrat Paul Löbe propagierte während der ersten Sitzung des Bun­destags am 7. September 1949 so eine Art westdeutsche Staatsräson: "Wir bestrei­ten keinen Augenblick das Riesenmaß an Schuld, das ein verbrecherisches System auf die Schultern unseres Volkes geladen hat. Aber die Kritiker draußen wollen doch eines nicht übersehen: das deutsche Volk litt unter zwiefacher Geißelung. Es stöhnte unter den Fußtritten der eigenen Tyrannen und unter den Kriegs- und Vergeltungs­maßnahmen, welche die fremden Mächte zur Überwindung der Naziherrschaft aus­geführt haben." Nach Löbe war es also eine kleine Gruppe von Verbrechern, die das eigene Volk unterjocht und ins Verderben geführt hat. Also waren auch nur wenige für die Verbrechen verantwortlich, die Mehrheit der Bevölkerung konnte nichts dafür und wusste auch von nichts. In dieser Gedankenwelt ließ es sich gut einrichten und leben. Aber es war ein Fake, dem das kollektive Bewusstsein aufgesessen ist. Es waren eben nicht nur einige wenige, sondern viele Millionen, die dem "Führer" Jahre lang zugejubelt und eine geradezu orgiastische Zustimmung signalisiert haben. 

 

Das geschah, weil die NS-Propagandisten geschickt all das zu einem programmatischen Mix zusammenrührten, was im deutschen Volk spätestens seit dem Ende des 19. Jahrhunderts vorhanden war: 

- Ein Antijudaismus, der beispielweise in den Verlautbarungen des Alldeutschen Verbandes schon 1890 verbal all jenes vorwegnahm, was das NS-Regime in die fürchterliche Tat umsetzen sollte.

- Die Suche nach dem Platz an der Sonne, den Reichskanzler Bernhard von           Bülow am 6. Dezember 1897 im Berliner Reichstag für die Deutschen        reklamierte und damit der kaiserlichen Großmannssucht das Wort redete.

- Ein Antikommunismus, der Westeuropa seit der Oktoberrevolution 1917            erfasst hatte und durch die Revolutionsrhetorik aus Moskau ebenso angeheizt    wurde, wie durch die Berichte über Gräueltaten an den russischen Kulaken oder während des "Holodomor" an der ukrainischen Bevölkerung.  

 

Und dann war da noch der Ruf nach einer "wahren Volksgemeinschaft", die anders als die "kalte Gesellschaft" der Weimarer Republik angeblich die Belange des Einzelnen in den Mittelpunkt stellt und eine wärmende Sorgfalt über sie ausbreitet. Ist diese "Volksgemeinschaft" nicht die Vervollkommnung des Sozialismus, dachten viele Arbeiter und schlossen sich freiwillig und gerne den braunen Kolonnen an, die im Gleichschritt durch Deutschlands Straßen trampelten, Lieder von "gefallenen Kameraden" sangen und dem politischen System der Weimarer Republik den Untergang schworen. Ist das nicht die Wiederherstellung der deutschen Nation, die sich nun zur Vorherrschaft über Europa aufschwingen kann, dachte das nationale Deutschland und zog sich das braune Hemd der "Bewegung" an. Ohne diese Freiwilligkeit von Millionen Menschen wäre das "Dritte Reich" nie über das Stadium des Wunsches hinausgekommen. 

 

Obendrein lenkte die Propaganda der NSDAP den Zorn über die hohe Arbeitslosigkeit am Anfang der 30er Jahre, über das "Parteiengezänk" im Reichstag, über den "Schandfrieden von Versailles", über die Bedrohung durch die bolschewistische Sowjetunion und die Juden, die seit jeher an allem Übel schuld seien, auf ihren Frontmann Adolf Hitler. Er wurde zum Heilsbringer, er brüllte die Deutschen geradezu an und motivierte sie zu unglaublichen Taten. Die Mehrheit der deutschen Bevölkerung schrie lauthals "Ja", der Mann hat Recht, lasst uns diese Zustände abschaffen! Ihre Rufe wurden dankend aufgenommen und in eine mörderische Kampagne gegen all jene umgeleitet, die nicht ebenso laut und bedingungslos "Ja" geschrien hatten. Die Deutschen waren natürlich nicht alle Täter, aber eben auch nicht nur Mitläufer. Sie waren der Resonanzboden für das Unheil, sie trugen Hitler und Konsorten auf einer Welle der Begeisterung mindestens bis 1940, als der "Führer" von einem „Blitzsieg“ zum nächsten eilte und der Welt das Fürchten lehrte. Joachim Fest hat die Beziehung des "Führers" zu seinen Zuhörern mit einem Gottesdienst verglichen, in den die Menschen auf der Suche nach Halt und Erbauung gegangen sind. Was sie hörten, hat sie nicht geschockt, weil es ihren politischen, psychologischen und sozialen Prädispositionen entsprach. Auch wenn die übergroße Mehrheit der deutschen Zivilbevölkerung kein Blut an den eigenen Händen hat, ist sie doch Teil eines höchst verbrecherischen Systems gewesen. Darüber hat niemand gesprochen – weder im Westen noch im Osten. Und deshalb haben sich die Menschen auch nicht schuldig oder gar verantwortlich gefühlt. Im Gegenteil: Sie haben die Schuld auf wenige Täter abgewälzt, die man ja 1945/46 mit den Nürnberger Prozessen abgeurteilt hatte. Aber diese Prozesse waren keine Maßnahme der Entnazifizierung oder gar eine Aufarbeitung der eigenen Geschichte. In Nürnberg wurden Schwerverbrecher von einem internationalen Tribunal zur Rechenschaft gezogen und in 22 Fällen zum Tode verurteilt. Sie waren persönlich verstrickt, hatten Befehle gegeben oder den Holocaust organisatorisch wie faktisch durchgeführt und haben dafür ein gerechtes Urteil empfangen.

 

Die Urteile von Nürnberg wurden zum Ersatz einer Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit. Aus dem Osten Deutschland tönte die stupide Rhetorik von einem "mit Stumpf und Stiel ausgerotteten Faschismus", während man im Westen nicht müde wurde zu betonen, dass ohne die Lehrer, die auch schon im Nationalsozialismus tätig gewesen sind, ganze Generationen von Schülerinnen und Schülern Blümchen mit "h" schreiben würden. Beides war ebenso verlogen wie politisch opportun. Der DDR-Regierung passte es in den ideologischen Kram, eine antifaschistische Rhetorik an den Tag zu legen, die jede Form von ernsthafter antifaschistischer Aufklärung und Bildung unmöglich machte. Die Regierung der Bundesrepublik konnte ihr Wirtschaftswunder nur vollbringen, wenn sie nicht allzu hart mit jenen umging, die für das Desaster des Jahres 1945 verantwortlich waren: Lehrer, Ärzte, Juristen, Soldaten und Beamte fanden wieder eine Anstellung, obwohl gerade sie das Rückgrat des nationalsozialistischen Staates gewesen waren. In der DDR wurde die Entnazifizierung vielfach umfunktioniert zu einer politischen Jagd auf Andersdenkende. Wer dem Sozialismus kritisch gegenüberstand, konnte leicht mit dem Vorwurf der NSDAP-Mitgliedschaft aus dem Weg geräumt werden. Im Osten ging es gleichermaßen um Entnazifizierung und um Säuberung der staatlichen Institutionen von missliebigen Personen. Andersdenkende verbrachte die sowjetische Besatzungsmacht in Speziallager, die unter der Aufsicht des sowjetischen Geheimdienstes NKWD standen. Neben über 120.000 Deutschen fanden sich dort knapp 35.000 ausländische Personen wieder, die zum großen Teil aus der Sowjetunion stammten und während des Dritten Reichs als "Fremdarbeiter" nach Deutschland verschleppt worden waren. Ihnen brachte der sowjetische Machthaber Stalin genauso viel Misstrauen entgegen wie vermeintlichen oder tatsächlichen Nazis, weil er glaubte, sie seien in Gefangenschaft zu Feinden des Sozialismus "umerzogen" worden. 

 

Im Westen scheiterte die Entnazifizierung spätestens in dem Moment, als in der amerikanischen Zone mit dem Gesetz 104 "zur Befreiung von Nati­onalsozialismus und Militarismus" die Westdeutschen für die Entnazifizierung allein verantwortlich gemacht wurden. Die Westdeutschen kamen ihrer Verantwortung aber nicht nach, weil sie sich lieber um Wiederaufbau und Integration in die westliche Werte- und Konsumgemeinschaft inklusive NATO kümmerten. Das kann man zwar verstehen, aber die Konsequenz muss ebenfalls benannt werden: Die Westdeutschen schlidderten ohne viele Zwischenstopps von der faschistischen Diktatur mit Massenmord und Weltkrieg in die westliche Glitzerwelt. Über den Osten senkte sich hingegen ein Vorhang des ideologisierten, geradezu stereotypen Umgangs mit der faschistischen Vergangenheit, der in einer ermüdenden Wiederholung des endgültig besiegten Faschismus mündete. Mit einer ernsthaften Entnazifizierung hatte all das nichts zu tun.

 

Auf beiden Seiten der Demarkationslinie wurden die Deutschen zu den treuesten Vasallen ihrer einstigen Kriegsgegner. Die DDR-Propaganda unterstellte dem Westen Revanchismus, der Westen denunzierte das "Pankow-Regime" als stalinistischen Frontposten und richtete sein Augenmerk auf den großen Bruder jenseits des Atlantiks. Wie einfach das ging, zeigt die Himmeroder Denkschrift, die im Oktober 1950 im Auftrag der Bundesregierung von ehemaligen Wehrmachtsoffizieren und Angehörigen der Waffen-SS ausgearbeitet wurde. Das Memorandum skizziert die Wiederbewaffnung und fordert die Westmächte auf, die "Diffamierung" der ehemaligen Angehörigen von Wehrmacht und Waffen-SS einzustellen. Ferner sollen als Kriegsverbrecher verurteilte Soldaten freigelassen, sämtliche schwebenden Verfahren eingestellt und für Wehrmachtssoldaten und Angehörige der Waffen-SS eine "Ehrenerklärung" abgegeben werden. Dieser schlichten Erpressung beugte sich erst am 23. Januar 1951 der NATO-Oberbefehlshaber Dwight D. Eisenhower, indem er den für die wiederbewaffnete Bundesrepublik benötigten Wehrmachtssoldaten und Angehörigen der Waffen-SS einen Persilschein aus- und ihre Ehre wiederherstellte. Ein Jahr später wiederholte Bundeskanzler Konrad Adenauer im Deutschen Bundestag diese Ehrenerklärung für die Soldaten der Wehrmacht und erweiterte sie – auf Nachfrage – auch auf Angehörige der Waffen-SS.

 

Mit einem Federstrich waren damit schwere Verbrechen, die durch Waffen-SS und Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg begangen worden waren, vom Tisch gefegt: Massenerschießungen, Exekutionen von Kommissaren der Roten Armee (gedeckt durch Hitlers berüchtigten "Kommissarbefehl" vom 6. Juni 1941, nach dem Stalins Politkommissare nicht als Kriegsgefangene zu behandeln, sondern umgehend zu erschießen waren), die Verantwortung für millionenfachen Tod sowjetischer Kriegsgefangener und schließlich die Beteiligung an der Shoah im Osten Europas. Auf dieser Grundlage konnte keine Entnazifizierung, die mehr als eine Worthülse war, gedeihen. Hüben wie drüben wuchsen Generationen heran, denen weder von ihren Eltern oder Großeltern, noch von Schulen oder Politikern eine sinnvolle Bearbeitung der jüngsten deutschen Geschichte angeboten wurde. Die Entnazifizierung war nie mehr als ein Lippenbekenntnis der Alliierten, dem sich viele Deutsche angeschlossen haben, aber allenfalls lückenhaft Taten folgen ließen. Anders ist der gesellschaftliche Drift nach rechts, die Wiederkehr autoritärer Denkmuster, die offenbar größer werdende Toleranz gegenüber rassistischen Äußerungen und die bei Demonstrationen offen zur Schau getragenen Renaissance nationalsozialistischer Ideen nicht zu erklären.   

          

2020

BLOG | DEZEMBER 2020 |  Jesus von Nazareth und Mohammed


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Jesus von Nazareth und Mohammed

 

Wenn die Menschen gewusst hätten, was sich da vor ihren Augen abspielt, hätten sie vermutlich den Atem angehalten. Die einen lebten um das Jahr Null in den römischen Provinzen Syrien und Judäa, die anderen rund 600 Jahre später im Gebiet des heutigen Saudi-Arabien. Sie alle waren Zeugen des Wirkens der beiden wohl einflussreichsten Personen der europäischen und arabisch-afrikanischen Geschichte. Bis zum heutigen Tag prägen zwei Religionsstifter mehr als 2000 Jahre Geschichte der Menschheit. Jesus von Nazareth und Mohammed entwickelten eine Heilslehre, die sich nicht nur ähnlich ist, sondern auch auf dieselben Wurzeln zurückgreift. Und beide standen vor ähnlichen Problemen, als sie begannen, für die Armen und Unterdrückten ihrer Zeit eine Befreiungstheologie zu entwickeln.  

 

Die Geburt des Jesus von Nazareth markiert den Beginn der abendländischen Zeitenwende, Mohammed erblickt um 570 das Licht der Welt. Beide gründen eine Religion, die sich auf „den einen Gott“ beruft. Der eine nennt ihn „Gott den Vater“, der andere „Allah“. Jesus von Nazareth war Jude. Die jüdische Heilige Schrift – das Alte Testament der Bibel – ist zu einer Zeit im Orient entstanden, als dort der Glaube an viele Götter verbreitet war. Mohammed lebte die ersten Jahre nach orientalisch heidnischen Ritualen. Als Leiter einer Handelskarawane lernt er dann aber christliche und jüdische Prediger und deren Religionen kennen. Wie Juden und Christen ist auch er fasziniert vom Glauben an nur einen Gott und stellt diese Idee über die in der arabischen Welt damals vorherrschenden heidnisch-polytheistischen Vorstellungen. Religiöse Verehrung wurde dabei einer Vielzahl von Göttinnen und Göttern oder Naturgeistern entgegengebracht, die in einer traditionell überlieferten Götterwelt lebten und von dort die Geschicke der Menschen lenkten.  

 

Jesus und Mohammed stellten die herrschenden religiösen Vorstellungen in Frage und gerieten deshalb in schwere Konflikte – der eine in Palästina mit den Römern, der andere in Mekka mit der feudalen arabischen Gesellschaft. Jesus legte das christliche Fundament des Abendlandes, Mohammed schuf die religiöse Grundlage des Morgenlandes. Obwohl beide an denselben Gott geglaubt und ihn zum Mittelpunkt ihrer Religion gemacht haben, werden ihre christlichen und muslimischen Nachfolger im Namen Gottes und Allahs Jahrhunderte lang Millionen Menschen gegeneinander in Krieg und Tod schicken. Die Gotteskrieger des Abendlandes und die Dschihadisten des Morgenlandes haben in den letzten 1500 Jahren Europa, den Mittleren und Nahen Osten verwüstet und für eine tiefe Spaltung gesorgt, die Orient und Okzident scheinbar unüberwindlich voneinander trennt. 

 

Der Frieden zwischen diesen beiden Religionen ist aber der Schlüssel zum Frieden in der Welt. Fanatisierte Krieges Allahs, brüllende Evangelikale in den USA und anderswo und die ebenso unerbittliche Inanspruchnahme des göttlichen Beistands bei kriegerischen Aktionen zeigen, wie religiöse Wut und Fanatismus gewalttätige Auseinandersetzungen auslösen oder zumindest befördern. Religiöse Toleranz und die staatlich garantierte Freiheit des Glaubens hingegen kennzeichnen den Weg zu einem friedlichen Miteinander. Dieser Weg zum Frieden ist weniger steinig, wenn man bedenkt, wie und für wen Jesus und Mohammed ihre Ideen entwickelt haben. In Jerusalem geriet Jesus wegen unterschiedlicher Interpretationen der Heiligen Schrift in Konflikt mit den Anhängern der frommen „Chassidim“ – Bewegung, mit den strenggläubigen Pharisäern und den Sadduzäern. Aber unbeeindruckt vom Ärger im eigenen Lager zog Jesus predigend zwischen dem See Genezareth im Norden Galiläas und dem Toten Meer im Süden Judäas von Dorf zu Dorf und erreichte einen hohen Bekanntheitsgrad. 

 

Die Prophetenbiographie des Ibn Ishaq berichtet, dass Mohammed um das Jahr 610 durch den Erzengel Gabriel göttliche Weisungen erhalten hat. Ähnlich wie Jesus von Nazareth geriet Mohammed mit den Vertretern einer feudalen arabischen Oberschicht in Konflikt. Er sprach vor Viehhändlern und Handwerkern, klagte deren prekäre Lage ebenso an, wie er die feudale Struktur der arabischen Welt als Ursache der Misere seiner Zuhörer ausmachte. Auch Jesus stellte sich auf die Seite der Schwachen und Armen, versprach Gottes Hilfe und eine ausgleichende Gerechtigkeit im Paradies. Seine Jünger dachten sich Geschichten aus, die eine wundersame Heilkraft ihres Herrn schilderten: Er konnte Lahme gehend, Blinde sehend machen und Wasser in Wein verwandeln. Auch Mohammed bekam wie Jesus schnell Zulauf, weil er sich ebenfalls auf die Seite der Unterdrückten stellte und ihnen durch den Islam Besserung versprach. 

 

Aber Mohammed wollte den Islam vom Judentum und vom Christentum abgrenzen und berief sich dabei auf eine Legende vom Stammvater Abraham, der angeblich seine Konkubine in Mekka besucht und währenddessen in göttlichem Auftrag die Kaaba für diejenigen gesäubert haben soll, die dort den Umlauf machen wollten. 630 erklärte Mohammed diese Kaaba zum Heiligtum und wies die gläubigen Muslime an, sich während des Gebets nach Mekka zu verneigen und damit – von seinem damaligen Aufenthaltsort Medina betrachtet - Jerusalem den verlängerten Rücken entgegen zu halten. Dadurch dass Mohammed den Islam auf Abraham bezog, der vor der Offenbarung der Thora und des Neuen Testaments gelebt hat, war der Islam für die Muslime die „erste“ und vielleicht auch „originärste“ Religion. Und noch etwas sollte den Islam von den beiden anderen Religionen unterscheiden. Mohammed stellte sich in eine Reihe mit dem Stammvater Abraham un